Medical Training: Vorbereitung auf Tierarzt & Co. - Teil 1/3

In dieser 3-teiligen Serie stellen wir euch das Medical Training etwas näher vor. Beim Medical Training wird der Hund auf verschiedene Untersuchungen und Manipulationen vorbereitet, die beim Tierarztbesuch, der häuslichen Pflege (Krallenschneiden, Bürsten, Duschen, Zecken entfernen etc.), sowie dem Besuch beim Hundefrisör vorkommen können: der Hund darf lernen diese Situationen stressfrei zu erleben - ja sogar zu mögen!

Medical Training - eine Modeerscheinung im Hundetraining?

Im Haustierbereich ist das Medical Training tatsächlich eine relativ neue Erscheinung. Die Zoos jedoch, vor allem in den USA, machen sich das Medical Training schon seit Jahren zu Nutze.

Medical Training Fachbeitrag auf Hundeherz.ch

Gerade bei den teilweise recht scheuen, wehrhaften und instinktgetriebenen Wildtieren ist es umso wichtiger, dass diese bei den tierärztlichen Untersuchungen kooperieren. So kann hier häufig auf eine Narkose verzichtet werden und das Tier bei vollem Bewusstsein und ungetrübten Vitalfunktionen untersucht werden.

Das Verletzungspotential für das Zoopersonal und die Tiere wird so auf ein Minimum reduziert – weniger Stress für alle! Warum also das Medical Training nicht auch bei unseren lieben Hunden anwenden?

 

Der Tierarztbesuch

Der Hund wird aus dem Auto geholt. Gemeinsam mit Herrchen geht es Richtung Tierarzt. Die Tür zur Praxis öffnet sich und der unverwechselbare Geruch von Tierarztpraxis kommt entgegen. Viele Hunde würden am liebsten hier schon Reissaus nehmen.

Anmelden beim Empfang, dann ab ins Wartezimmer. Das Wartezimmer ist für manch einen Hund zu klein. So muss er sich dort dicht neben andere Hunde und/oder Tiere setzen, die bereits mit ihrem Menschen Platz genommen haben, wo er doch im Unwohlsein seiner Erkrankung am liebsten jeglichen Kontakt vermeiden würde. Zusätzlich ertönt aus dem Behandlungsraum ein Bellen, Winseln oder gar ein Fiepen von Artgenossen, was die Stimmung nicht gerade hebt.

Dann geht es weiter: Die Tür zum Wartezimmer öffnet sich, eine Frau steht in der Tür und sagt etwas. Herrchen steht auf. Gemeinsam mit Hund geht es in den Behandlungsraum. Der spezielle Geruch von Lösungs- und Reinigungsmitteln ist hier noch viel stärker. Herrchen unterhält sich kurz mit den fremden Menschen in den weissen Kitteln. Bis die gesamte Aufmerksamkeit auf den Hund gerichtet wird.

Hund steht auf Behandlungstisch

Das Unbehagen des Hundes steigt, er ahnt was gleich geschieht. Er wird auf den Behandlungstisch gehoben, welcher sich kurz darauf aufwärts bewegt. Am liebsten würde er gleich wieder vom Tisch hüpfen, doch Herrchen steht daneben und hält ihn fest.

Einer der fremden Menschen geht auf den Hund zu, fasst ihn an allen möglichen und unmöglichen Stellen an, drückt an ihm herum, hebt sein Bein an, streckt es und beugt es wieder - um unter Umständen eine Reaktion auf eventuell vorhandene Schmerzen auszulösen.

Dann wird sein Maul geöffnet, und Ober- und Unterkiefer werden auseinander gezogen. Er versucht den Kopf wegzuziehen - keine Chance! Er wird festgehalten.

Jetzt kommt der Mensch im weissen Kittel mit seltsamen Geräten auf den Hund zu, berührt ihn damit, schaut ihm in Augen und Ohren. Zu guter Letzt werden Blutproben abgenommen und Medikamente verabreicht.

Dann ist es vorbei: Der Tisch wird wieder heruntergefahren, der Hund losgelassen und er darf vom Tisch springen. Einer der fremden Menschen hält ihm ein Leckerli hin. Nachdem das Herrchen die Medikamente bekommen hat und die Behandlung bezahlt ist, geht es wieder zum Auto.

So oder ähnlich könnte sich ein alltägliches Szenario beim Tierarztbesuch abspielen.

 

Sinn und Zweck des Medical Trainings

Für viele Hunde ist ein Tierarztbesuch mit Angst und/oder Schmerzen verbunden – auf jeden Fall mit viel Stress.

Im Gegensatz zum Menschen, kann dem Hund nicht in Worten erklärt werden, was gleich geschehen wird, noch welchen Nutzen die Behandlung haben soll, um ihm damit die Angst vor dem Ungewissen zu nehmen.

Was aber möglich ist, ist es dem Hund mit gezieltem Training auf Solche Situationen vorzubereiten, um diese vorhersehbar zu machen und dem Hund Sicherheit zu geben.

Beim Medical Training lernt der Hund auch in unangenehmen Situationen stillzuhalten und auszuharren, ohne dass er gross fixiert oder festgehalten werden muss.

Was bedeutet Medical Training für die Mensch-Hund-Beziehung?

Ist es nicht das Bestreben eines jeden, seinem Hund in schwierigen Situationen unterstützend zur Seite zu stehen? So auch beim Tierarztbesuch oder in ähnlichen Situationen? In der Realität sieht es jedoch oft anders aus. Der Hund hat bei der tierärztlichen Untersuchung unter Umständen Angst, vielleicht auch Schmerzen und möchte am liebsten fliehen.

Medical Training - Was macht es mit der Mensch-Hund-Beziehung?

Die Reaktion vieler Hundebesitzer ist in solch einer Situation für den Hund meist alles andere als unterstützend zur Seite stehen. Er hält ihn fest, hindert ihn an der Flucht und setzt ihn dadurch der Angst und den Schmerzen aus. Wächst so das Vertrauen des Hundes zu seinem Besitzer?

Natürlich muss der Hund hin und wieder zum Tierarzt, sei dies bei Krankheit, Unfall, zum Impftermin oder einfach nur zur Routineuntersuchung. Angsteinflössende Komponenten, bei welchen der Hundebesitzer auch noch direkt beteiligt ist, können jedoch durch Medical Training weitestgehend vermieden werden.

 

Was bedeutet Medical Training für den Hund?

Der Hund kann stressfrei zum Tierarzt und zum Hundefrisör gehen oder sich von seinem Menschen pflegen lassen!

Alles wird leichter, präziser und aussagekräftiger

Mit einem guten Medical Training werden jegliche Untersuchungen und Manipulationen leichter vonstattengehen. Denn der Hund hat gelernt während dessen stillzuhalten und bleibt entspannt. Zecken können ohne Rumgezappel gezogen werden. Er kann in Ruhe untersucht und abgetastet werden.

Diagnosen beim Hund - einfacher dank Medical Training

Der Tierarzt kann viel präziser Schmerz lokalisieren und muss nicht zwischen Schmerz-, Angst- oder Abwehrreaktion unterscheiden.

Ausserdem sind Herz und Atmung ruhiger und es können aussagekräftigere Diagnosen gestellt werden, ohne von Stressreaktionen überschattet zu werden.

Durch das Medical Training kann dem Hund sogar die eine oder andere Narkose erspart bleiben.

 

Bisher haben wir aufgezählt, welche positiven Auswirkungen ein Medical Training haben kann. Nun ist es an der Zeit aufzuzeigen, welch unschöne und vor allem unnötige Folgen es haben kann, wenn Hunde überhaupt nicht auf solche Situationen vorbereitet werden.

Natürlich hat nicht jeder Hund das Medical Training gleichermassen nötig. Einige Hunde haben kaum Mühe in solchen Situationen – andere dafür umso mehr. Bei letzteren kann es dann schnell zu unerwünschtem Verhalten kommen, wenn nicht frühzeitig mit Prävention (Gewöhnung an Untersuchungen und Manipulationen durch den Menschen) begonnen wird.

 

Vorbeugen von unerwünschtem Verhalten

Unerwünschtem Verhalten, wie flüchten, knurren oder gar beissen, kann mit Hilfe des Medical Trainings vorgebeugt werden. Hierfür wird der Hund im Idealfall frühzeitig auf Untersuchungen und Manipulationen durch den Menschen vorbereitet. Grundsätzlich ist das Medical Training für Hunde jeden Alters hilfreich!

Hier ein kurzer Verweis auf die 4 F’s, welche ein wichtiges Hintergrundwissen im Zusammenhang mit der Entstehung von unerwünschtem Verhalten darstellen.

Die 4 F’s:

Es gibt vier natürliche Verhaltensweisen, die ein Lebewesen in bedrohlichen Situationen / Konfliktsituationen zeigt:

  • freeze (Einfrieren)
  • flirt oder fiddle about (ein übertriebenes, nicht zur Situation passendes Verhalten)
  • flight (Flucht)
  • fight (Kampf)

Konfliktsignale des Hundes - die 4F

Beim Einfrieren erstarrt der Hund für eine gewisse Zeit. Dieses Verhalten wird meist gezeigt, wenn er die Bedrohung nicht sofort orten oder einschätzen kann.

Das Zeigen eines übertriebenen, nicht zur Situation passenden Verhaltens kann sich beim Hund zum Beispiel in einem übertrieben freundlichen Spielverhalten gegenüber eines Artgenossen äussern, welcher ihm gerade droht.

Bei der Flucht versucht der Hund, aktiv Distanz zur bedrohlichen Situation aufzubauen. Dieses Verhalten wird oft gegenüber dem Menschen, in Bezug auf Untersuchung und Manipulation gezeigt, wenn der Hund sich durch diese bedroht fühlt. Wird er dann durch den Menschen fixiert oder festgehalten, erfüllt dieses Verhalten für den Hund nicht seinen Zweck (aus der Situation zu entkommen) und er wird nach anderen Strategien suchen. So könnte er bei einem nächsten Mal z.B. früher oder Intensiveres Flucht- bis hin zu Aggressionsverhalten (fight) zeigen.

Bei Kampf kann der Hund Drohelemente wie Knurren, Zähne blecken, Fellaufstellen oder ähnliches zeigen, das im schlimmsten Fall beim Beissen endet. Dazu kommt es vor allem, wenn keine Fluchtmöglichkeit besteht.

 

Erlernte Hilflosigkeit

Wird ein Hund wiederholt einer für ihn unkontrollierbaren Situation ausgesetzt, wie z.B. Angst und / oder Schmerzen beim Tierarzt, wobei jeglicher Versuch, diese durch eine geeignete Strategie (freeze, flirt, flight, fight) zu mindern scheitert, kann es im Extremfall zur sogenannten erlernten Hilflosigkeit kommen.

Hierbei verfällt der Hund durch den erlebten Kontrollverlust in einen Zustand, in dem er jegliche Versuche aufgegeben hat, sich dem negativen Reiz zu entziehen, und sich diesem passiv hingibt.

erlernte Hilflosigkeit

Erlernte Hilflosigkeit gleicht dem Zustand einer Depression. Ein äusserst tragischer Zustand für das Tier, auf welchen wir bereits im Fachbeitrag zur Verhaltenstherapie beim Hund hingewisen haben.

 

So geht es weiter in Teil 2

In diesem ersten Teil haben wir nun erfahren, warum Medical Training so wichtig ist und warum Hunde ohne dieses Training in vielen Situationen eigentlich unnötig in grossen Stress geraten können.

Dieser kann nicht nur die Mensch-Hund-Beziehung belasten sondern im ungünstigsten Fall dazu führen, dass der Hund sich aus der Not gezwungen fühlt die Strategie „Fight“ anzuwenden, wenn er keinen anderen Ausweg sieht.

Im zweiten Teil informieren wir euch über wichtiges Hintergrundwissen, damit ihr Fehler und Stolperfallen im Training (folgt in Teil 3) später vermeiden oder zumindest frühzeitig erkennen könnt.

 

Die gesamte Serie "Medical Training" lesen

Wir sind uns bewusst, dass die einzelnen Beiträge dieser Serie etwas länger ausfallen als gewohnt. Gewisse Themen brauchen etwas Substanz, damit sie gut verstanden werden können. Es lohnt sich sehr alle 3 Teile zu lesen!

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Dieser Beitrag wurde geschrieben von Jessica Perteck von "du und Hund" Hundeherzlichen Dank!

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Autoren

Jessica Perteck
Inhaberin, Hundetrainerin

Hundeschule DU UND HUND

Jessica Perteck ist Tiertrainerin mit dem Schwerpunkt im Hundetraining.

Sie ist Inhaberin der Hundeschule Du und Hund, in welcher sie sich auf die Themenbereiche Medical Training, Alltagstraining und Antijagdtraining spezialisiert hat.

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