Medical Training: Wichtiges vor dem Trainings-Start - Teil 2/3

In Teil 1 dieses Fachbeitrages haben wir gelernt woher das Medical Training kommt, was es alles bewirken kann und wieso wir mit unserem Hunden unbedingt an diesem Thema trainieren sollten. In dieser Fortsetzung informieren wir euch über wichtiges Hintergrundwissen, damit später im Training Fehler und Stolperfallen vermieden werden können.

 

Fachbeitrag Medical Training beim Hund - Teil 2

Hundetraining ist einfach – aber nicht leicht.

Dies sagte schon Bob Bailey, einer der weltweit besten und bekanntesten Tiertrainer überhaupt. Es gibt nämlich immer und überall kleine Stolperfallen, in die man hineintappen kann und am Ende nicht das Ergebnis bekommt, das man eigentlich gerne hätte.

Beim Medical Training, wo es auch um Furcht und/oder Schmerzen gehen kann, ist es besonders wichtig, dass wir uns über gewisse Punkte bewusst sind, damit es mit dem Training klappt. Diese stellen wir euch hier gerne vor.

 

Möglichkeiten durch das Medical Training

Ist das Training gut und kleinschrittig aufgebaut, lässt sich damit unglaublich viel erreichen. Dabei dürfen auch die einfach erscheinenden Dinge wie zum Beispiel das Fiebermessen oder Anfassen lassen nicht ausser Acht gelassen werden.

 

Mögliche Trainingseffekte:

  • Freiwilliges Maulöffnen
  • Stillhalten beim Blutabnehmen und Injektionen setzen
  • Röntgen ohne Narkose
  • Entspannt kämmen und duschen lassen
  • Problemlos Maulkorb und Halskragen tragen
  • Stressfreies festhalten und hochheben des Hundes
  • Ohren und Pfoten untersuchen lassen
  • Allgemeines Abtasten und Abstreichen des gesamten Körpers inkl. Geschlechtsteile
  • Zecken ziehen
  • Augentropfen geben
  • Medikamente geben
  • Fiebermessen
  • Zulassen, dass Geräte den Körper berühren
  • Ruhig auf dem Tisch stehen
  • usw.

Medical Training Röntgen ohne Narkose

Kleinschrittig bedeutet, dass man ein Trainingsziel, wie z.B. das Fiebermessen in viele kleine Zwischenschritte aufteilt. Auf diese Weise wird der Hund nicht überfordert, da er die Schritte einzeln kennenlernen kann.

 

Kontextspezifisches Lernen

Hunde lernen kontextspezifisch, d.h. sie speichern Erfahrungen in Bezug zu den anwesenden Kontextreizen ab. Mit Kontextreizen meint man die Gesamtheit der Umweltreize, denen ein Individuum gerade ausgesetzt ist. Dazu zählen die visuellen (Sehen), auditiven (Hören), olfaktorischen (Riechen) sowie taktilen (Tastempfindung) Reize.

 

Was bedeutet das fürs Training?

Wird dem Hund etwas Neues beigebracht, so verknüpft er neben dem Signal, welches vom Menschen gegeben wird, erst mal auch die Kontextreize mit dieser Situation.

Beispiel:

Findet das Medical Training immer im heimischen Wohnzimmer statt, werden neben den erwünschten Signalen fürs Training auch die Umweltreize aus dem Wohnzimmer mit dieser Situation verknüpft. Es kommt zu einem sogenannten zusammengesetzten Signal (Kontextreize des Wohnzimmers plus die Signale des Medical Trainings). Kurz gesagt, der Hund hat gelernt, dass ihm in dieser Konstellation nichts Schlimmes widerfährt.

Würde man nun von diesem Hund erwarten, dass er das im Medical Training erlernte Verhalten in der Tierarztpraxis ebenfalls so zuverlässig zeigt wie zu Hause, würde man wohl enttäuscht werden – und den Hund gleichzeitig überfordern.

Denn: Die Signale aus dem Medical Training wären für den Hund unvollständig, weil die Kontextreize aus dem Wohnzimmer fehlen. Dadurch wird das erlernte Verhalten abgeschwächt oder gar nicht gezeigt.

Hinzukommend ist die Tierarztpraxis durch vorherige Erfahrungen mit ihren eigenen Kontextreizen vorbelastet. Sind das negative Erfahrungen, können diese ihrerseits das erlernte Verhalten unterdrücken.

Findet das Medical Training jedoch an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Situationen statt, lernt der Hund, dass das Medical Training nicht an einen Ort oder eine Situation gebunden ist. Genauso verhält es sich mit den Menschen, welche den Hund untersuchen, auch sie sollten im Training wechseln.

Im 3. Teil dieses Fachbeitrages verraten wir euch einen tollen Tipp, wie ihr einen „Kontext“ des Medical Trainings von zu Hause in die Tierarztpraxis transportieren könnt – als Hilfe für euren Hund.

 

Wie reagieren, wenn es nicht rund läuft?

Was ist zu tun, wenn der Hund während des Trainings ausweicht oder gar wegläuft?

Das ist häufig ein Zeichen dafür, dass der Hund das Training als unangenehm oder beängstigend empfindet. Vielleicht waren die Trainingsschritte zu gross? In dem Fall sollte das Training für den Hund einfacher / kleinschrittiger gestaltet werden. Entzieht sich der Hund komplett, sollte das Training für diesen Tag abgebrochen und beim nächsten Mal einfacher begonnen werden. Im Zweifelsfall sollte ein geschulter Hundetrainer aufgesucht werden.

 

Was ist zu tun, wenn der Hund während des Trainings knurrt?

Knurrt der Hund, sollte er auf keinen Fall gemassregelt werden. Denn das Knurren ist eine natürliche, soziale Kommunikation, mit welcher der Hund zum Ausdruck bringt, dass er etwas als unangenehm empfindet und er mehr Abstand möchte. Auch hier sollte das Training einfacher strukturiert oder gegebenenfalls abgebrochen und beim nächsten Mal so einfach gestaltet werden, dass der Hund erst gar nicht anfängt zu knurren.

Ebenso kann hier ein geschulter Hundetrainer, welcher positiv arbeitet, sehr förderlich sein und sollte im Zweifelsfall zur Rate gezogen werden.

 

Doch Vorsicht - Schmerzen lösen Verhalten aus!

Weglaufen, knurren oder schnappen, können aber auch Anzeichen von Schmerzen sein. Insbesondere, wenn es immer dann auftritt, sobald ganz bestimmte Körperregionen berührt werden. Oder der Hund im Training schon so weit fortgeschritten war und bis dahin immer gut mitgearbeitet hat und nun plötzlich sein Verhalten ändert. In diesem Fall sollte ein Tierarzt zu Rate gezogen werden.

 

Der Hund muss zum Tierarzt, ist mit dem Training aber noch nicht sehr weit?

Wenn der Hund zum Tierarzt muss, dann wird er natürlich zum Tierarzt gebracht! Egal wie weit das Training ist. Was der Hund im Training schon gelernt hat und beim Tierarzt zeigen kann, wird angewendet.

Bei allem anderen, was der Hund noch nicht gelernt hat oder noch nicht gut genug beherrscht, wird auf bestmögliche Management-Massnahmen zurückgegriffen.

Management

  • Nimmt der Hund Futter an und muss nicht nüchtern bleiben, kann Ablenkung mit Futter eine gute Option sein.
  • Viele Hunde sind entspannter, wenn sie nicht in die Praxis rein müssen. Wenn möglich, wäre ein Hausbesuch oder eine Untersuchung vor der Praxis eine gute Möglichkeit, den Stress zu reduzieren.
  • Alles braucht seine Zeit! Für manch einen Hund kann ein schnelles Abarbeiten der Untersuchungen in der Tierarztpraxis eine Qual sein. Es kann entsprechend sinnvoll sein bereits bei der Terminabsprache um einen längeren Termin zu bitten. Dies kann aber unter Umständen die Kosten erhöhen.

Medical Training

Anmerkung Management vs. Training

Management ist kein Training und dient nur zur Überbrückung eines Zustands, in welchem der Hund noch keine Alternative gelernt hat! Management sollte nicht als Endziel angesehen werden.

 

Spezielle Fälle

Dann gibt es noch die Hunde, bei denen etwas mehr Geduld aufgebracht werden muss. Zum einen gibt es jene, die schlechte Vorerfahrungen mit Menschen gemacht haben (psychisch oder körperlich versehrt) und zum anderen jene, die keine oder nur ganz wenig Erfahrung mit Menschen gemacht haben. Diese Hunde sind es unter Umständen gar nicht gewohnt angefasst zu werden, wie es bei manch einem Second-Hand-Hund aus dem In- oder besonders aus dem Ausland vorkommen kann.

So geht es weiter in Teil 3

Nach dem wir nun wissen was Medical Training ist und wie wir Stolperfallen im Training vermeiden können, geht es im dritten und letzten Teil dieser Serie um das Training selbst. Es werden euch verschiedene Möglichkeiten des Medical Trainings vorgestellt - je nach Hund und Ausgangslage kann man dann die richtige Möglichkeit wählen - oder auche eine Kombination daraus.

 

Die gesamte Serie "Medical Training" lesen

Wir sind uns bewusst, dass die einzelnen Beiträge dieser Serie etwas länger ausfallen als gewohnt. Gewisse Themen brauchen etwas Substanz, damit sie gut verstanden werden können. Es lohnt sich sehr alle 3 Teile zu lesen!

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Dieser Beitrag wurde geschrieben von Jessica Perteck von "du und Hund" Hundeherzlichen Dank!

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Autoren

Jessica Perteck
Inhaberin, Hundetrainerin

Hundeschule DU UND HUND

Jessica Perteck ist Tiertrainerin mit dem Schwerpunkt im Hundetraining.

Sie ist Inhaberin der Hundeschule Du und Hund, in welcher sie sich auf die Themenbereiche Medical Training, Alltagstraining und Antijagdtraining spezialisiert hat.

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