Lerntheorie: Wie lernt ein Hund - Teil 1/5

In dieser 5-teiligen Serie befassen wir uns mit dem Lernverhalten von Hunden. Wir alle verlangen von unseren Hunden, dass sie gewisse Dinge können - da sollten wir auch wissen, wie unsere Hunde lernen, damit wir ihnen das erwünschte Verhalten möglichst effizient und hundgerecht beibringen können. Dieser erste Teil bietet einen leichten Einstieg ins Thema. Danach geht es etwas kontreter weiter - bleibt unbedingt dran und lest alle 5 Teile!

Lernen ist nicht nur spannend, sondern auch sehr komplex, so dass wir diesen Fachbeitrag in fünf Teile aufgeteilt haben. Wir haben uns sehr bemüht, uns mit diesem Fachbeitrag auf die wichtigsten Elemente der Lerntheorie in Bezug auf den Hund zu konzentrieren, um auch „Laien“ auf diesem Gebiet einen verständlichen Einblick zu ermöglichen.

Fachbeitrag Lerntheorie Hund - Teil 1

Wenn wir verstehen wie unsere Hunde lernen und wir uns dessen bewusst sind, dass Emotionen (positive wie negative) unsere Hunde beim Lernen immer begleiten, können wir ihre Verhaltensweisen viel besser verstehen und auch verändern, wenn wir es wollen.   

Lerntheorie - was ist das?

Die Lerntheorie beschreibt wissenschaftlich erforschte, biologische Lernvorgänge im Gehirn. Dabei kann die Lerntheorie nicht nur auf Hunde, sondern auch auf viele andere Tierarten und sogar uns Menschen (Säugetiere) übertragen werden. Die Lerntheorie bildet die Basis für modernes, artgerechtes Hundetraining:

Egal welcher Rasse, egal welchen Alters, egal welchem Trainingslevel unser Hund angehört: Die Lerngesetze sind immer die Gleichen - darum lohnt es sich so sehr, sie kennenzulernen.

Oft stellen wir uns folgende Fragen: Wie kann ich meinem Hund etwas Neues beibringen? Wie kann ich meinem Hund beibringen, dass er dies lassen soll, aber dies tun soll? Warum kommt der Hund nicht, wenn ich ihn rufe? Wie kann ich meinem Hund eine Verhaltensweise abgewöhnen? Lernt mein Hund nur, wenn ich mit ihm trainiere? Kann jeder Hund etwas Neues lernen, egal welchen Alters? ... all‘ diese Fragen beantwortet uns die Lerntheorie. Also legen wir los!

 

Was ist Lernen?

„Lernen“ wird im lernpsychologischen Kontext als ein Erfahrungsprozess aufgefasst, der zu einer relativ permanenten Änderung des Verhaltens beim Individuum führt.

Oder anders gesagt: Lernen ist eine Verhaltensmodifikation (Verhaltensveränderung) aufgrund von Erfahrung. Das ist ganz wichtig zu verstehen und wir merken uns das.

 

Das Ziel des Lernens

Das Ziel des Lernens ist den individuellen eigenen Zustand zu optimieren. Dabei geht es in erster Linie um die Bedarfsdeckung und die Schadensvermeidung.

Lernen ist überlebenswichtig für Hunde, andere Tierarten und auch uns Menschen!

Lernen dient der besseren Anpassung eines Lebewesens an seine Umwelt.

Denken wir zum Beispiel an einen Hund, der in der Wildnis oder auf der Strasse lebt: Um zu überleben muss er sein Verhalten ständig anpassen und das gelingt ihm nur, wenn er über Lernen sein Verhalten verändert. Lernen ist überlebenswichtig!

Dies gilt natürlich nicht nur für den Hund, sondern auch für andere Tiere - ja sogar für uns Menschen.

 

Welche Lernformen (Lernprozesse) gibt es?

Wir kennen eine Vielzahl an Lernformen. Diese sind unterschiedlich im Charakter, dem zeitlichen Verlauf, der Stabilität des Erlernten, dem Kontext sowie den beteiligten neuronalen Strukturen.

Nachfolgend eine Liste an Lernformen:

  • Habituation (Gewöhnung)
  • Sensitivierung (Sensibilisierung)
  • Klassische Konditionierung
  • Operante / instrumentelle Konditionierung (trial and error oder Versuch und Irrtum)
  • Lernen durch Einsicht
  • Prägung (im strengen Sinn der Ethologie existiert Prägung beim Hund nicht)
  • Nachahmung
  • Soziales Lernen
  • Geschmacksvermeidungslernen
  • Furchtkonditionierung
  • Unterscheidungslernen
  • Raumlernen
  • Zeitlernen

Es würde den Rahmen dieses Fachbeitrags sprengen auf alle Lernformen einzugehen. Wir beschränken uns daher auf diejenigen, die wir für das alltägliche Zusammenleben mit dem Hund sowie spezifisch für das Training mit dem Hund kennen und verstehen sollten.

 

Welche Voraussetzungen braucht ein Hund zum Lernen?

Die richtige Lern-Atmosphäre ist äusserst wichtig. Es gibt gewisse Grundvoraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit Lernen beim Hund überhaupt stattfinden kann:

Der Wohlfühl-Faktor

  • Die Stimmung sollte fröhlich und entspannt sein. Negative Gefühle wie Angst, Furcht, Stress, Schmerz und Druck etc. sowie auch eine zu hohe Erregungslage (beim Mensch wie beim Hund) sind gänzlich zu vermeiden, denn unter diesen Bedingungen kann Lernen kaum oder gar nicht stattfinden. Der Hund soll sich also entspannt und vor allem „in Sicherheit“ fühlen.
  • Der Hund sollte sich in der jeweiligen Umgebung, in der er etwas lernen soll, wohl fühlen. Ablenkungen aus der Umgebung wie z.B. akustische oder optische Reize (Geräusche, Menschen, Hunde, andere Tierarten, etc.) sollten den Hund in seinem Lernen insofern nicht stören, so dass er sich nicht mehr wohl fühlt. Wenn wir mit dem Hund trainieren, soll der Hund sich auf uns bzw. die jeweilige Übungseinheit konzentrieren können.
  • Das körperliche Wohlbefinden spielt ebenfalls eine grosse Rolle. Wir kennen das von uns selbst: Wenn wir krank sind oder Schmerzen verspüren, lernt es sich äusserst schlecht. Stellen wir uns vor, ein Hund mit Rückenschmerzen soll lernen sich ins Platz zu legen oder noch viel schlimmer auf einen Baumstrumpf hoch und wieder hinunter zu springen. Verständlicherweisewill der Hund diese Verhaltensweise nicht ausführen, weil er Schmerzen verspürt, Wir müssen dies unbedingt respektieren. Das liegt in unserer Verantwortung.

Die Motivation

Motivation ist die Summe aller Beweggründe ein bestimmtes Verhalten auszuführen. Diese Beweggründe entstehen aufgrund einer Wechselwirkung interner (Bedürfnisse) und externer (Umwelt) Faktoren.

Für einen Hund gibt es verschiedene Gründe (Motive) etwas zu tun. Der eine Hund ist hungrig und deshalb motiviert zu fressen, der andere hat einen Hundekumpel angetroffen und ist motiviert zu spielen, ein weiterer Hund hat ein Reh gesichtet und ist motiviert zu jagen, einer hat Schmerzen und reagiert deshalb auf Berührung aggressiv, und einer ist müde und will seine Ruhe haben, um sich zu erholen und so weiter und so fort.

Motivierte Hunde lernen am schönsten!

Ohne Motivation, kein schönes Hundetraining!

Schaffen wir es nicht, den Hund zu motivieren - ihn also mittels Begeisterung und einer positiven Erwartungshaltung von einer neuen Verhaltensweise zu „überzeugen“ - bleibt uns als Alternative eigentlich nur noch Druck, Einschüchterung, Gewalt, usw.

Das ist nicht nur unprofessionell, unwissend und unschön (Gewalt fängt da an, wo Wissen aufhört), sondern es gewährleistet auch keinen Wohlfühlfaktor für den Hund, was darüber hinaus zu Lernblockaden führen kann.

Wir wollen verstehen wie wir den Hund auf positive Art und Weise motivieren können mit uns zu kooperieren - sei es im Alltag oder im Hundetraining. Dazu sollten wir unseren Hund gut kennen und einschätzen lernen, da seine Vorlieben je nach Situation (interne / externe Faktoren) ganz unterschiedlich sein können. Eine gute Beobachtungsgabe sowie etwas Kreativität ist von uns Hundehaltenden also gefragt, um unseren Hund zu motivieren.

Intelligenz

Unter Intelligenz verstehen wir die Fähigkeit auf neue Situationen zweckvoll zu reagieren. Hunde sind zweifellos intelligent, und zwar ist jeder Hund intelligent. Hunde sind fähig komplexe Beziehungen zu Artgenossen, aber auch artübergreifend, zu etablieren, was als Beispiel von hoher sozialer Intelligenz (soziale Kognition) zeugt.

Jeder Hund ist auf seine eigene Art und Weise intelligent – zudem kann Intelligenz gefördert werden.

 

Wie lernt ein Hund?

Jeder Hund lernt auf seine ganz individuelle Weise am liebsten und am besten. In der Hundeerziehung soll dies unbedingt Beachtung finden.

Generell lernt ein Hund am besten wie folgt:

  • in einem entspannten sozialen Umfeld (Wohlfühlfaktor)
  • spielerisch
  • kontextbezogen
  • vorwiegend in Bildern
  • über Assoziationen (Verknüpfungen)
  • über Generalisierung (Verallgemeinerung)
  • über Hilfestellungen
  • in kleinen Schritten
  • durch viele Wiederholungen (8'000 bis 10'000)
  • über Belohnung oder Strafe
  • ein Hundeleben lang

Hierzu gerne ein paar Beispiele:

Entspanntes soziales Umfeld

Trainieren wir in Gruppen ist darauf zu achten, dass die Grösse der Gruppe und die Zusammenstellung der Gruppe passen und jeder Hund individuell genug Abstand zum Nachbarshund bekommt. Jedes Individuum hat eine Individualdistanz (Mensch wie Hund), die es braucht, um sich wohl und entspannt zu fühlen. Die Distanz zwischen den Mensch-Hund-Teams soll entsprechend dem Bedürfnis eines Individuums gerecht werden.

Spielerisches Lernen

Spielerisches Erlernen für das SUP

Wir wissen heute (wissenschaftliche Erkenntnis), dass Hunde am besten spielerisch lernen.

Neue Reize, zum Beispiel ein neues Objekt, das beim Hund keine Angst auslöst, wird gerne gezielt untersucht. Dies wird oft spielerisch gemacht, indem der Hund das neue Objekt mit der Nase oder mit der Pfote berührt oder es ausführlich beriecht. Auch ein fremder Hund wird neugierig untersucht, was möglicherweise in Spielverhalten übergeht.

Etliche Verhaltensweisen erlernt ein junger Hund vorwiegend im Spiel. Über Sozialspiele lernen Hunde die Regeln im Umgang miteinander kennen. Junge Hunde lernen, während sie spielerisch interagieren, welche Verhaltensweisen ein Weiterspielen garantieren und welche ein Spiel beenden. Beisst ein Welpe zu stark, wird der andere Welpe aufschreien und das Spiel sofort beenden, das Gleiche tun wir auch. Der Welpe, der seine Zähne zu stark eingesetzt hat, wird aufgrund der Erfahrung sein Verhalten in Zukunft ändern, er wird nicht mehr so stark zubeissen, weil er gerne weiterspielen möchte.

Kontext bezogenes Lernen in Bildern und Lernen durch Verknüpfungen

Der Hund lernt vorwiegend in Bildern und kontextbezogen. Er bezieht alle Umweltreize mit ein. Passieren zwei Dinge fast gleichzeitig, verknüpft der Hund diese zwei Dinge miteinander (mehr dazu im Teil 2 dieses Fachbeitrages).

Zwei Beispiele:

  • Der Hund bekommt bei jedem Besuch im Tiershop an der Kasse schmackhafte Leckerchen. Der Hund stellt unbewusst (das kann ein Hund bewusst nicht steuern) eine positive Emotion und eine Verknüpfung zwischen dem jeweiligen Ort, dem Kontext und den Leckerchen her. Unser Hund wird in Zukunft beim Tiershop einen Stopp machen wollen, weil er sich gemerkt hat, da gibt es was Gutes, und zwar an der Kasse.

  • Ein Hund, der an einer Kuhweide, auf der Kühe weiden vorbeigeht und vom Elektro-Zaun zufällig einen Schlag abbekommt, wird zukünftig Kühen gegenüber kaum eine positive Einstellung haben. Warum nicht? In dem Moment als der Hund die Emotion „Schmerz“ verspürt, ist seine volle Aufmerksamkeit auf das Bild „Kühe“ gerichtet und somit verbindet der Hund den Schmerz mit den Kühen. Der Hund merkt sich: Die Kühe bedeuten Schmerz, der Zaun ist dabei nicht mal von grosser Bedeutung für den Hund. Je nach Charakter, bisherigen Lernerfahrungen und natürlich auch je nach Rasseveranlagung kann der Hund zukünftig wie folgt auf Kühe reagieren: er kann sie meiden, aus Angst wegrennen oder sie zum Zweck der Selbstverteidigung angreifen wollen usw.

Hund hat das Bild "Kuh" mit Gefahr verknüpft.

Denn aus Sicht des Hundes waren die Kühe verantwortlich für den Schmerz, den er erlitten hatte. Das Gleiche hätte passieren können, wenn der Hund in diesem Moment einen Jogger, ein Kind, einen anderen Hund - oder sogar den eigenen Halter im Zentrum seiner Aufmerksamkeit gehabt hätte. Alles Verknüpfungen, die wir uns gar nicht wünschen!

Achtung: Dieselben unerwünschten Verknüpfungen können beim Hund auch entstehen, wenn mit Leinenruck (Schmerz!) oder ähnlichen Methoden mit dem Hund gearbeitet wird!

Die Generalisierung

Hunde verallgemeinern (generalisieren) eine Erfahrung sehr schnell. Zum Beispiel: Ein Hund, der von einem kleinen Kind am Schwanz gezogen wird und dabei Schmerz empfindet, merkt sich das Bild „kleines Kind“ und verknüpft dieses mit negativer Emotion, nämlich Schmerz. Es kann durchaus sein, dass er sich in Zukunft gegenüber allen kleinen Kindern (Generalisierung) vorsichtig verhält und diese meidet. Negative Erlebnisse (Emotion Angst) werden leider besonders schnell generalisiert (dient dem Überleben).

Viele kleine Schritte führen nachhaltig zum Erfolg

Der Hund lernt eine neue Verhaltensweise, indem wir ihm diese schrittweise (in sehr kleinen Schritten) mit viel Geduld und in Ruhe beibringen. Je detaillierter wir dem Hund eine neue Verhaltensweise beibringen, je kleiner die Schritte, je eindeutiger unsere Kommunikation (Hör- /Sichtsignale), desto einfacher ist es für den Hund, die neue Verhaltensweise zu erlernen.

Viele Wiederholungen sind notwendig

Es ist sinnvoller und viel effektiver, mehrmals am Tag für eine kurze Zeit (2 - 5 Minuten) mit dem Hund zu lernen, als einmal am Tag und dafür lange. Eine neue Verhaltensweise lernt der Hund dadurch, dass sie vielfach wiederholt wird, aber eben nicht auf einmal, sondern über viele Tage verteilt und immer nur in kurzen Lerneinheiten. Pausen zwischen den Lerneinheiten von mindestens 10 Minuten (z.B. Wasser trinken, ruhen, spielen, etc.) sind elementar! Wir wissen aus unseren eigenen Lernerfahrungen nur zu gut wie wichtig Pausen für den Organismus sind.

Die richtige Motivation und der richtige Deprivationslevel

Über positive Belohnung motivieren wir den Hund eine neue Verhaltensweise zu lernen. Wir alle kennen das selber sehr gut, dass wir ein Lob immer wieder gerne hören und dieses uns motiviert, uns auch künftig entsprechend zu verhalten, uns noch mehr anspornt unser Verhalten zu verbessern. Wir werden nicht gerne bestraft, das ruft negative Gefühle hervor. Das geht dem Hund genau gleich.

Der richtige Deprivationslevel

Wie sieht das nun aus, wenn wir für unsere Leistung, egal welche wir erbringen und egal wie gut wir sie erbringen, immer ein Lob bekommen? Wir freuen uns wohl darüber, aber motiviert uns dies wirklich unsere Leistung weiter zu erbringen, geschweige denn, diese zu steigern? Wohl eher nicht, denn das Lob ist uns ja sicher. Es geht also darum, für das jeweilige Individuum das richtige Mass an Lob zu finden, passend zu seiner erbrachten Leistung.

Ein Hund, der satt ist, kann wohl kaum mit Leckerlis motiviert werden, eine neue Verhaltensweise zu lernen. Der Hund mag nichts mehr fressen (ok, wir denken jetzt mal nicht an den Labi oder den Beagle, die mögen wohl immer fressen, das hat auch bestimmte Gründe, aber das ist wiederum ein anderes Thema). Auf der anderen Seite kann unser Hund, der hungrig ist, sich nicht auf das Training konzentrieren, weil er eben hungrig ist und sein Fokus auf den Leckerchen liegt und nicht auf der zu erlernenden Verhaltensweise.

Ist die Motivation zu hoch, findet kein Lernen statt - ist die Motivation zu tief, findet ebenfalls kein Lernen statt - es gilt den richtigen Deprivationslevel zu finden.

 

Wann lernt ein Hund?

Der Hund lernt immer. Also nicht nur dann, wenn wir uns darauf konzentrieren, dem Hund etwas beizubringen, sondern eben immer, 24 Stunden am Tag, rund um die Uhr, ja sogar im Schlaf. Im Schlaf werden Ereignisse verarbeitet, die der Hund tagsüber erlebt hat. Übrigens, es ist empfehlenswert am Abend vor dem zu Bett gehen, mit dem Hund eine kurze Lerneinheit zu absolvieren.

Ein Hund ist grundsätzlich sein ganzes Leben lang lernfähig. Wir wissen heute, dass der Hund nicht nur körperlich, sondern auch geistig artgerecht ausgelastet werden sollte und das bis ins hohe Alter.

Lernen im Welpenalter

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“. Diese Aussage stimmt nur zum Teil, denn soeben haben wir erfahren, dass der Hund bis ins hohe Alter lernen kann.

Lernen im Welpenalter

Doch im Leben eines jeden Hundes gibt es ein kurzes Zeitfenster, das sich in der Fachsprache Sozialisationsphase nennt. Diese Phase dauert beim Hund von der 3./4. Lebenswoche bis zur 12./max. 16. Lebenswoche - diese Zeit gehört dem Welpen: Alles, was der Hund in diesen paar wenigen Wochen erlebt, merkt er sich sein Leben lang.

Wir stellen uns einen leeren Rucksack vor, der in der Sozialisationsphase mit Erlebnissen (positive wie negative) vom Welpen gefüllt wird. Dieser Rucksack dient unserem Hund künftig als Referenzwert, worauf unser Hund immer wieder zurückgreifen wird. Wir möchten unserem Hund also eine möglichst gute „Ausrüstung“ mitgeben auf seinen Lebensweg.

Als Beispiel nur ganz kurz:

Wir führen unseren erwachsenen Hund spazieren, da begegnet uns ein junger Mann, der ein Surfbrett über dem Kopf trägt. Der Hund bleibt wie angewurzelt mit weit aufgerissenen Augen und steifen Gliedmassen stehen. Er will keinen Schritt weitergehen. Der Hund hat soeben zum ersten Mal in seinem Leben solch ein Bild gesehen. Der Hund ist wohl vertraut mit aufrechtgehenden jungen Männern und davor fürchtet er sich auch nicht, aber einen Menschen mit einem Surfbrett über dem Kopf tragend zu sehen, das ist ein komplett neues Bild, das im Rucksack des Hundes nicht auffindbar ist - darum bereitet es ihm Mühe.

Darum ist es so wichtig, den Welpen mit möglichst vielen Umweltreizen und über möglichst ausschliesslich positive Erlebnisse auf sein zukünftiges Leben vorzubereiten. Dazu stimulieren wir alle Sinne des Welpen, wohl dosiert und achten darauf, den Welpen nie zu überfordern – was, wenn wir bedenken wie kurz die Sozialisationsphase ist und wie viel es zu erleben gibt auf dieser Welt, leicht passieren kann.

Da es die Prägung im ethologischen Sinne beim Hund nicht gibt, ist theoretisch jede Verhaltensweise des Hundes veränderbar, mehr oder minder eben.

 

Mittlerweile verstehen wir, was Lernen bedeutet, welche Lernformen uns in der Hundeerziehung zur Verfügung stehen, welche Voraussetzungen der Hund braucht zum Lernen und wir verstehen wie der Hund am besten lernt.

Im nächsten Teil wird es konkreter und wir befassen uns mit den Lernprozessen, die uns Hundehaltende tagtäglich begleiten: Das nicht-assoziative Lernen, das assoziative Lernen und die Extinktion (Löschung). Da Hunde immer lernen, also nicht nur dann, wenn wir ihnen bewusst etwas beibringen möchten, ist es wichtig, dass wir diese Abläufe verstehen. Jetzt weiterlesen im Teil 2/5.
 

Die gesamte Serie "Lerntheorie Hund" lesen

Wir sind uns bewusst, dass die einzelnen Beiträge dieser Serie etwas länger ausfallen als gewohnt. Gewisse Themen brauchen etwas Substanz, damit sie gut verstanden werden können. Es lohnt sich sehr alle 5 Teile zu lesen!

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Dieser Beitrag wurde geschrieben von Simone Sonderegger, Hundecollege Hundeherzlichen Dank!

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Autoren

Simone Sonderegger
Hundeverhaltenstherapeutin & Hundeinstruktorin

Hundecollege

Simone leitet das Hundecollege im Raum Zürich.
Simone’s Fachschwerpunkt ist die private und individuelle Verhaltensberatung. Ihre Aufgabe als zertifizierte Hundeinstruktorin und zertifizierte Hundeverhaltenstherapeutin ist es Menschen insbesondere über das Ausdrucksverhalten beim Hund, die Lerntheorie, und den Verhaltenscodex zu informieren und Lösungen beim Auftreten unerwünschter Verhaltensweisen und Verhaltensprobleme beim Hund, die das entspannte Zusammenleben zwischen Mensch und Hund beeinträchtigen und belasten, auszuarbeiten.

Das Ziel ihrer Tätigkeit ist immer die Mensch-Hund-Beziehung individuell zu stärken, möglichst schon bevor ein Problem auftritt.

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